Bossi oder Führungskompetenz?

Bossi oder Führungskompetenz?
Mein Kind will immer der „Bestimmer“ sein und so findet der hochbegabte Junge keine Freunde. Was kann ich tun? Bossi oder Führungskompetenz? Eine Begabung, die selten wertgeschätzt wird.
Im Elternkreis Hochbegabung wird das Thema heiß diskutiert, und wir haben zum nächsten Treffen folgende Gedanken zur Diskussion gestellt.
„Mein Sohn will in der Kita immer der Bestimmer sein. So findet er nie Freunde.“
„Meine Tochter denkt sich etwas aus und pickt sich dann andere Kinder heraus, die machen sollen, was sie will.“
Warum sind Führungskompetenzen häufig ein Problem für Eltern?
Wir haben ein Bild vor Augen, dass Kinder einträchtig spielen, dass sie sich auf gleicher Ebene austauschen und gemeinsam ihr Spiel entwickeln. Alle tragen bei und sie brauchen keinen „Bestimmer“. Unser Kind soll beitragen, aber auch Ideen von anderen gerne annehmen – natürlich nur die guten Ideen und keinen Unsinn. Wir fühlen uns unwohl, wenn unser Kind den anderen „immer“ sagt, was sie machen sollen.
Gerade bei Hochbegabten mit ihrer starken Vorstellungskraft, ihren komplexen Ideen und wenig Gegenwind in der Gruppe der Gleichaltrigen sehen wir Eltern Verhaltensweisen, die in Richtung „Führung“ gehen. Allein das Wort weckt viele ungute Assoziationen und Teamfähigkeit sollte doch anders aussehen, oder? Durchsetzungsvermögen wird häufig mit Führungskompetenz gleichgesetzt. Doch ist das alles?
Ein Blick auf die vielseitigen Anforderungen an Führungskräfte kann uns hier Hinweise geben. Zusätzlich hilft uns die Betrachtung von Eltern als Führungskräften, viele praktische Beispiele für gutes Führungsverhalten im Familienleben zu finden.
Lernen von den Großen
Fangen wir an anderer Stelle an. Die Karriere Bibel schreibt regelmäßig über Themen rund um Karriere und Persönlichkeitsentwicklung. Vor einiger Zeit ist mir der folgende Blogartikel aufgefallen: die 14 wichtigsten Führungsqualitäten. Schauen wir uns die Kompetenzen an und suchen sie in der sozialen Umwelt von Kindern.
1. Vorbildfunktion: Selber tun, was man von anderen erwartet.
Dazu braucht es nicht nur Empathie, sondern auch ein hohes Maß an Selbstreflexion: Der andere wartet nicht auf mich – warte ich auf andere? Die andere soll mir zuhören – höre ich ihr zu? Das können Eltern ihren Kindern sehr gut vorleben, denn Eltern sind das wichtigste Vorbild ihrer Kinder! Bin ich selbst geduldig, wie ich es von meinem Kind erwarte? Neben dem alltäglichen Vorleben können solche Situationen auch ausdrücklich mit Worten begleitet werden. „Oh, jetzt habe ich dich unterbrochen. Das tut mir leid. Wir wollten uns ja gegenseitig ausreden lassen.“
2. Kommunikationsfähigkeit: Sich auf seine Mitmenschen einstellen können und sich verständlich mitteilen.
Dazu gehört übrigens nicht nur „selbst reden“. Es ist genauso wichtig, dem anderen zuzuhören. Nur wer zuhört, kann sich auch verständlich mitteilen. Dazu gehört viel „Reden über das Reden“. Geduldiges Zuhören, verstehen wollen, zurückfragen. Eltern können mit Worten wie „Habe ich dich richtig verstanden?“ oder „Ist das so okay für dich?“ den anderen einen Kanal öffnen und den Austausch in Gang halten.
3. Entscheidungsfreude: Es braucht Mut, um Entscheidungen zu treffen.
So werden Prozesse in Gang gebracht und es besteht immer die Gefahr, dass eine Entscheidung sich als ungünstig oder falsch erweist – vor allem auch Entscheidungen über das Leben anderer. Dann braucht es viel innere Stärke, das auch zuzugeben und weitere Entscheidungen mit den anderen abzustimmen. Eltern können hier die Entscheidungspunkte deutlich machen. Vor allem Hochbegabte haben oft einen hohen Bedarf an Autonomie: „Das will ich allein machen!“, oder „Ich will keine Jacke anziehen!“ Solche Entscheidungen zuzulassen und nachher darüber zu sprechen – im guten wie im schlechten Fall. Nicht nur, wenn das Kind aus unserer Sicht schlecht entschieden hat, kann die Entscheidungsfindung geübt werden. Echtes Rüstzeug für spätere größere Entscheidungen!
4. Selbstbewusstsein: Sich selbst vertrauen können ist ein hohes Gut.
Darauf bauen können, dass selbst bei Misserfolgen wieder neue bessere Ideen entwickelt werden können, ist sehr wichtig. Die eigenen Stärken kennen ist genauso wichtig wie seine Schwächen zu kennen. Viele Gespräche mit Kindern werden einfacher, wenn die Stärken als Ausgangspunkt genommen werden. Dann können auch Schwächen eher akzeptiert werden. Mit Sätzen wie „Hey, du hast schon so viel geschafft, dann schaffst du den Rest auch – oder du versuchst es morgen noch einmal!“ können Eltern Selbstbewusstsein verstärken.
5. Konfliktfähigkeit: Ein Leader ist häufig Vermittler.
Situationen müssen geklärt werden und eine neue positive Regelung gefunden werden. Lösungen gemeinsam gestalten ist wichtig! Dazu gehört es auch, widerstreitende Meinungen zu akzeptieren und den Weg zu einer gemeinsamen Lösung schon als wichtigen ersten Schritt zu sehen. Die hohe Kunst der Mediation wird selten nebenbei erlernt. Sie erfordert ein hohes Maß an Sozialkompetenz. In manchen Schulen werden Meditationskurse angeboten. Auch hier sind Eltern wieder wichtige Vorbilder, z. B. wenn bei einem Streit zwischen Geschwistern die Eltern nur die Lösungsfindung begleiten, statt die Lösung vorzugeben.
6. Flexibilität: Handlungsfähigkeit auch bei Veränderungen erhalten
Dinge laufen nicht wie geplant? Eine positive Eigenschaft ist es in diesen Momenten, wenn weiterhin gehandelt werden kann. Die veränderte Herausforderung wird als Chance gesehen und die Ideen werden angepasst. Eine Schockstarre blockiert die Entwicklung. Das laute Denken von Eltern kann Kindern Hinweise geben: „Hm, jetzt hat der Laden X schon zu. Der Plan klappt nicht. Was haltet ihr davon, wenn wir stattdessen zu Y fahren?“ oder „Ok, das ist Plan A. Lasst uns gleich einen Plan B festhalten.“
7. Verantwortungsbewusstsein: Sich der eigenen Handlung bewusst sein.
Verantwortung übernehmen, wenn Fehler aufgetreten sind, oder manchmal auch eine unbequeme Entscheidung zu treffen. Dazu gehört auch, anderen etwas zuzutrauen. Im Team kann auch für einzelne Themen ein anderer bzw. eine andere Verantwortung übernehmen. Das auszuhalten ist wichtig, gerade auch für Eltern, denn es gehört eine große Ehrlichkeit und das Stehen zu Fehlern dazu – wie auch beim Thema Entscheidungen.
8. Organisationstalent: Den Überblick behalten und sinnvoll organisieren.
Den Durchblick behalten, selbst wenn es stressig ist, das ist eine Kunst. Das große Ganze im Blick behalten und sich nicht in nebensächlichen Details zu verlieren. Hier können gerade Eltern von hochbegabten Kindern nutzen, dass gerne Strukturen und Pläne gemacht werden. Ein Wochenplan mit Magneten am Kühlschrank? Ein Kind, das gerne den Geschirrspüler einräumt oder (andere) zu Aufgaben einteilt? Was in Ruhe geübt wird, kann in stressigen Situationen helfen, den Faden wieder aufzunehmen.
9. Netzwerk: Andere kennen und mit ihnen im Kontakt bleiben.
Die Möglichkeit haben, wieder hilfreiche Personen in meiner Gruppe anzusprechen: Nachbarskinder, Klassen- und Sportkameraden. Wichtig ist nicht nur daran zu denken, wie ich diese Person später „nutzen“ kann. Auch den eigenen Wert für Netzwerke zu sehen – wie beim Punkt Selbstbewusstsein, Netzwerke leben vom Geben und Nehmen. Auf diese Art kann auch „Bestimmern“ der Wert von Austausch gezeigt werden: Spielzeugtausch, gegenseitige Einladungen – so können Kinder mit der Zeit zu Brückenbauern werden.
10. Gelassenheit: Souveränität, wenn es mal schiefgeht
Fehler als Teil eines Prozesses zu sehen, nimmt Druck raus und lässt gelassen bleiben. Flexibilität, wenn ein Plan nicht funktioniert, oder der Umgang mit Missgeschick: Eltern können hier im lauten Denken vorleben, wie man auch den Schritt vom Ärger in eine gelassene Stimmung schafft. „Der Saft ist umgekippt? Das passiert eben manchmal. Du kannst es aufwischen, dort stehen die Tücher.“
11. Menschenkenntnis: Mit wem kann ich was machen? Wer eignet sich wofür?
Wer Mitmenschen gut einschätzen kann, erlebt weniger Missverständnisse und hat weniger Konflikte. Wie beim Punkt Netzwerk geht es auch hier darum, andere Menschen bewusst mit ihren Stärken und Schwächen wahrzunehmen. „Meine kleine Schwester kann nicht gut schneiden, aber sie kann den Faden festhalten.“ oder „Papa ist eher ungeduldig, dann mache ich das lieber mit Oma.“ Kinder können mit solchen Aussagen oft ihre Eltern in Erstaunen versetzen!
12. Motivationstalent: Andere Menschen mitreißen und mit der eigenen Begeisterung anstecken
Ideen so transportieren, dass andere Menschen sie mittragen – welch ein Talent! Wenn Eltern sehen, wie Kinder angestiftet werden, „Unsinn“ anzustellen, dann sehen sie ein Motivationstalent. Diese Kinder können sich oft auch gut motivieren. Zusammen mit der Menschenkenntnis werden daraus oft charismatische Führungspersönlichkeiten.
13. Selbstkritik: Jeder macht Fehler.
Wichtig ist, eigene Fehler einzugestehen und auszuhalten. Es ist notwendig, sich selbst kritisch zu hinterfragen – gerade auch für Eltern. Das eigene Verhalten und Handeln sind kein Goldstandard, sondern immer wieder auf dem eigenen Prüfstand. Eltern können vorleben, Fehler zugeben und mit ihnen entspannt umgehen. Gelassenheit und Flexibilität sind Voraussetzung. Und nicht zu vergessen: Selbstkritik muss nicht nur negativ sein! Eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten sollte auch positive Punkte mit aufführen. Ein Kind, das sagen kann „Es hat nicht geklappt, aber ich bin schon weiter gekommen als letzte Woche“ betont das Wachstum, Lernen und Anstrengung.
14. Humor: mit Humor durch den Tag zu kommen ist eine Kunst
Viel zu tun? Unangenehme Dinge erledigen? Der Druck steigt? Humor kann helfen, in schwierigen Situationen die Handlungsfähigkeit beizubehalten. Dabei ist es vor allem das Lachen über sich selbst, das Kindern ein Vorbild ist, sich nicht an ihre Stärken zu klammern, sondern auch Fehler und Missgeschicke anzunehmen. Eltern sollten dabei auf ihr eigenes Verhalten achten: Schadenfreude und Scherze auf Kosten anderer geben dabei ein schlechtes Vorbild ab.
Bossi oder Führungskompetenz?
Einige hochbegabte Kinder und Jugendliche tragen viele dieser Fähigkeiten bereits in sich. Sie schaffen es intuitiv, eine Atmosphäre zu schaffen, die andere Personen anzieht. Bitte verstehe diese Liste zur Führungskräfteentwicklung nicht als Trainingsplan für dein Kind! Es geht mir vielmehr darum, dass dein Kind bereits viele Kompetenzen mitbringt und sich im besten Fall vieles im Familienleben mit dir als Führungskraft anschauen kann.
Andere Kompetenzen sind vielleicht noch nicht so gut entwickelt. Das kann zum einen am Alter und der Entwicklungsstufe deines Kindes abhängen: Empathie und Einfühlungsvermögen sowie Selbstreflexion brauchen Zeit. Gerade ein kognitiv sehr weit entwickeltes Kind lässt uns oft erwarten, dass auch diese Fähigkeiten schon weiter entwickelt sind. Davon ist aber nicht auszugehen. Eltern brauchen dann viel Gelassenheit, die gefühlt „geringe soziale Kompetenz“ zu akzeptieren.
Führungsqualitäten sind nicht schlecht, im Gegenteil. Es werden Menschen benötigt, die Verantwortung übernehmen und Teams leiten. Die Gesellschaft benötigt Menschen, die neue Ideen mutig vorantreiben, aber auch Kritik vertragen. Gruppen leben davon, dass Ideen entstehen und andere sich beteiligen. Wichtig dabei ist die soziale bzw. ethische Komponente. Und du kannst als Mutter oder Vater nicht nur gute Beispiele in der Gesellschaft aufzeigen, sondern Führungskompetenz gut vorleben!

Eltern hochbegabter Kinder tauschen sich aus, du auch?
In den Elternkreisen Hochbegabung arbeiten Eltern intensiv daran, für ihre Familien neue und passende Lösungen zu finden. Es werden Ziele festgelegt, verfeinert und immer wieder angepasst – so lässt sich das Familienleben positiv beeinflussen.
Sei gerne in der nächsten Runde dabei. Diskutiere über Themen wie oben beschrieben und bringe deine eigenen Fragen mit ein.